NOMYBLOG: Klub Kabul: im Container nach Afghanistan

Während des Stadt Land Food-Festivals im Oktober 2018 stand in der hinteren Ecke des Lausitzer Platzes in Berlin-Kreuzberg ein goldfarben angemalter Schiffscontainer. Wurde er geöffnet, entstand ein Portal in eine andere Welt. Oder genauer gesagt: ein Portal in eine andere Ecke der Welt.

An einer langen Tafel speisten Besucher des Festivals mit Menschen in Herat, am nächsten Tag konnte man den Schülern der einzigen Musikschule Afghanistans bei einem Konzert zuschauen. Initiiert wurde das Projekt vom Verein Cultivating Peace e. V., hinter dem die gleichen Köpfe stecken, wie hinter dem Unternehmen Conflictfood: Gegründet von Salem El-Mogaddedi und Gernot Würtenberger, verfolgt das Start-Up ein spannendes, radikal transparentes Konzept: Sie nutzen Handel als Mittel, vor Ort kleinbäuerliche Strukturen und Agrarkollektive zu stärken und gleichzeitig, Geschichten abseits des täglichen Nachrichtenhorrors zu erzählen.

Conflictfood und damit auch Cultivating Peace e. V. begannen mit einem von einer NGO organisierten Reise nach Afghanistan, bei der die beiden Gründer, die zuvor nicht viel mit dem NGO-Sektor zu tun hatten, per Zufall auf ein ganz anderes Projekt aufmerksam wurden: In Herat, nahe der Grenze zum Iran, hat ein Frauenkollektiv sich aus den mafiösen Strukturen des Opiumanbaus befreit und baut auf den alten Schlafmohnfeldern heute Safran an.

„Das war so eine spannende Geschichte mit den Frauen, fernab der Bilder, die wir sonst aus Afghanistan kennen. Das waren starke Frauen, stolze Frauen und es ist ein tolles Produkt”, erzählt Salem. Ihre Idee überzeugte – sie gewannen ein Stipendium für Sozialunternehmer. Das war zwar nicht monetär, gab aber trotzdem, so Gernot, vielleicht den nötigen Rückenwind, das Projekt Conflictfood in Vollzeit anzugehen.

Safran, Freekeh, Tee

Ende Mai 2016 gründeten sie die Firma offiziell, ihr erstes Produkt im Programm war, klar, der Safran. “Was ist, wenn das niemand kauft, wenn das niemand interessiert? Wenn niemand diese Geschichte hören will, dann hätten wir Weihnachtsgeschenke für die nächsten 20 Jahre gehabt”, erzählen die beiden und lachen. Es kam ja doch anders, auf den Safran folgte eine Reise nach Palästina und Freekeh in ihrem Sortiment, ein vielleicht in Deutschland noch recht unbekanntes Produkt, wobei Ottolenghis Bücher zu seinem Aufstieg beitragen dürften. Und seit kurzem vertreiben sie auch Tee aus Myanmar, Grün und Schwarz. Hier war es nicht möglich, mit den verfolgten Rohingya zu arbeiten, aber sie arbeiten mit der „Palaung Tea Association“ im krisengeschüttelten nördlichen Shan-State zusammen. Die Teepflanzen wachsen wild zwischen Teak- und Macadamiabäumen, die Anbaumethoden haben sich seit Jahrhunderten kaum geändert – hier befindet sich die Wiege des Tees, gleichzeitig hat die Palaung-Minderheit in Myanmar nicht den besten Stand.

Nicht nur Taliban und Terror

Aber Conflictfood soll nicht nur auf die Probleme hinweisen, sondern auch das Leben, die Freude, die Kulturen der Regionen, aus denen sie ihre Waren importieren, vorstellen: „Afghanistan ist nicht nur Taliban und Terror. Ist es auch, aber es ist auch Geschichte, Kultur, Gastfreundschaft und superleckeres Essen und farbenfrohe Menschen. Wir wollen ein anderes Bild zeigen”, sagt Salem.

Dieses andere Bild zeigen dann nicht nur durch die Produkte, die auch alle qualitativ hochwertig sind, die meisten sogar bio-zertifiziert, sondern auch das immer beiliegende Journal mit Reiseberichten und mehr, ihrem Blog und vor allem auch mit ihrem Verein Cultivating Peace e. V., dem, wie Salem es nennt, bildungspolitischen Arm des Unternehmens.

Ein Teil des Erlöses ihrer Produkte geht an Bildungseinrichtungen in den jeweiligen Ländern. Einrichtungen, die sie auch selbst besuchen. Recherche ist da zentral: Auf allen Ebenen suchen sie lange nach passenden Partnern, auch gerade bei der Produzentensuche für Conflictfood. „Wir recherchieren relativ lang vor Ort auf unseren Reisen: Welches Produkt spricht denn von der Identität dieser Bauern? Welches ist denn typisch, worauf sind sie denn stolz? Genau das nehmen wir”, erzählt Gernot, „auch wenn der Markt in Deutschland vielleicht nicht immer am besten darauf vorbereitet ist. Wir könnten Produkte vertreiben, mit denen wir es einfacher hätten, aber darum geht es auch nicht. Es geht uns um das Identitätsstiftende. Das, worauf die Produzent*innen auch stolz sind.”

Alternativer Handel

Conflictfood ist dabei aber keine Hilfsorganisation und leistet auch keine klassische Entwicklungshilfe, auch wenn sie mit NGOs wie zum Beispiel der Welthungerhilfe eng zusammenarbeiten. Nein, hier geht es schon klar um Handel, dabei sollen aber kleinbäuerliche Strukturen und Agrarkollektive unterstützt werden. Das stellt die üblichen Praxen des Weltmarkts ein Stück weit auf den Kopf. Auf dem, verkürzt gesagt, Ware oft lange im Voraus bestellt, dann angebaut, und dann zu einem gewissen, meist zuvor verhandelten Preis, gekauft wird.

Mit ihrer alternativen Form von Handel wollen die beiden Unternehmer vor allem auch andere, vielleicht gerechtere Organisationsform unterstützen, Perspektiven schaffen und, langfristig natürlich auch, Armut bekämpfen. Natürlich liegt es nahe dabei zu kritisieren, dass Conflictfood trotzdem in der Logik des Kapitalismus operiert, doch ihre Praxis bietet den Produzenten Freiraum und ein Gegenmodell zum üblichen Weltmarkthandel.

Was man erwirtschaftet, wird wieder in Conflictfood investiert – denn Salem und Gernot gehen bei den Produzenten immer in Vorkasse. „Wir zahlen ja die Bauern direkt, zahlen die Flüge selbst, all das. Wir gehen erstmal rein in die Recherche, in den Kauf, in den Transport, verkaufen das, aber die Produzenten kriegen alle ihr Geld vorher”, erklärt Salem. Gerade haben sie eine Tonne Tee aus Myanmar finanziert, nachdem die ersten hundert Kilo gut ankamen.

Das heißt natürlich auch, dass das Unternehmen noch eine Weile braucht, bis es wirklich schwarze Zahlen schreibt, denn ein Investor ist nicht involviert. Dafür haben sie seit ihrer Entstehung die Aufmerksamkeit zahlreicher anderer Organisationen auf sich gezogen, die evangelische Kirche zum Beispiel hat den Kontakt zu einem Pfarrer in Betlehem hergestellt. Aus dieser Begegnung entstand die Kooperation mit den Freekeh-Produzenten. „Ursprünglich wollten wir Olivenöl importieren, weil wir dachten der Ölanbau, sehr symbolträchtig, historisch belegt, tolles Produkt. Wir haben uns aber dann für Freekeh entschieden, es ist einfach ein Projekt, dass wir einfach machen wollten.”

Essen verbindet, Essen löst Konflikte

Während ich ihnen so zuhöre, knabbere ich Mandeln, die auf dem Tisch stehen. „Du isst jetzt diese Mandeln”, sagt Salem, „und damit nimmst du einen Teil Afghanistans in dir auf.” Genau das ist der Unterschied zwischen dem Handel mit schönen Keramiken, Teppichen oder anderen Handwerksprodukten und dem Handel mit Essen: Essen ist lebensnotwendig, wie es die beiden ausdrücken. Und Essen verbindet: „Man sitzt auf Augenhöhe, tauscht sich aus, man hat gemeinsam tolles Essen auf dem Tisch, diskutiert, disputiert vielleicht auch, aber es löst auch etwas aus”, so beschreibt es Salem, und Gernot ergänzt: „Es löst Konflikte. Du sitzt bei Tisch um Frieden und Freundschaft zu schließen, um irgendwie dich anzuhören.”

Darum ging es auch bei ihrem Projekt mit dem Container: „Das Thema, Brücken zu spannen zieht sich durch unsere ganze Arbeit. Das Bauen von Handelsbrücken, das Bauen von ideellen Brücken, oder auch hier, das Bauen einer langen Tafel, das ist eigentlich der Kern.”

An einem Sonntag im Oktober stehe ich nun in diesem goldenen Container und habe Tränen in meinen Augen. Auf der anderen Seite der Welt sitzen ein paar Kids und spielen auf ihren traditionellen Instrumenten, auf unserer Seite des Containers sitzen afghanische Künstler, die gleich mit den Kindern gemeinsam musizieren werden. Die Musik ist wunderschön, erinnert mich an die persischen Stücke, die meine Eltern zuhause gespielt haben, und ist doch ganz fremd. Ich schaue mich um. Ich bin nicht die einzige, die das kleine Konzert so berührt. Die bessere Welt, vielleicht kann sie doch ganz nah sein.